17
Mrz
12

World Press Photo 2011

Letzten Monat wurden die besten Pressefotos prämiert. Hier die Geschichte des Siegerfotos.

Der Mensch nackt, geschunden, gefoltert. Die Mutter, über und über schwarz verschleiert, hält den Verletzten fest im Arm. Der Sohn ist mit seinen 18 Jahren der Mutter längst entwachsen, in diesem Moment aber zählt nur der Trost, dem sie ihm spendet. Die Szene spielt sich ab in einem Feldlazarett im Jemen während des Arabischen Frühlings, eingefangen von einem Fotoreporter der New York Times. Das Foto gab der Protestbewegung wie kein zweites ein Gesicht. Es ist das World Press Photo 2011 – und es zeigt einen Taxifahrer.

Der junge Mann ist, wie viele andere unzufrieden mit seinem Land. Über 33 Jahre regiert Präsident Ali Abdullah Saleh mit harter Hand. Das Land ist Wirtschaftlich am Ende. Mit gerade einmal zwei Dollar pro Tag ist das Einkommen so niedrig, wie nirgendwo in der Region. Jeder dritte Jemenit hungert. Zayed träumt von einer besseren Zukunft, will sich als Taxifahrer sein Medizinstudium finanzieren. Seit 2002 gibt es eine organisierte Opposition im Jemen, der er angehört. Auch, wenn er an seine eigene Zukunft denken muss, die Zukunft seines Landes liegt ihm mehr am Herzen. Mit dem Arabischen Frühling fühlt sich die Opposition im Aufwind. Als sich der Dauerpräsident mit einer Verfassungsänderung eine Regentschaft auf Lebenszeit sichern will, springt der Funke über und die Jemeniten gehen auf die Straße.

Als die Demonstrationen gegen Saleh beginnen, ist Zayed al-Qaws immer wieder ganz vorne mit dabei. Zusammen mit tausenden Gleichgesinnter geht es am 15. Oktober über die Zubairy-Straße in der Innenstadt von Sanaa in Richtung Außenministerium. Schüsse krachen. Tränengas erfüllt die Luft. Einige Demonstranten brechen getroffen zusammen. Die, die weitergehen, werden erneut unter Feuer genommen. Schließlich werden von offizieller Seite 12 Tote und 30 Verletzte gezählt. Zayed wird mit anderen in ein improvisiertes Feldlazarett gebracht. Eine nahe gelegene Moschee wurde kurzerhand zur Notaufnahme. Hier fand seine Mutter ihren bewusstlosen Jungen, hält den tot geglaubten im Arm. Zayed wird erst zwei Tage später aus seiner Ohnmacht erwachen.

Aufgenommen wurde das Foto von Samuel Aranda für die New York Times. Der 32-Jährige ist Krisen erfahren, berichtete schon aus Pakistan, dem Gazastreifen, Palästina, aus dem Libanon, dem Irak und aus Marokko. Letzten Februar ging Aranda noch einmal nach Sanaa zurück. Sein Auftrag: Die Menschen zu finden, die auf dem jüngst ausgezeichneten Foto abgebildet sind. Erst hatte er mit seinem Foto dem Arabischen Frühling ein Gesicht gegeben, jetzt sollte das Gesicht einen Namen und eine Stimme erhalten.

Aranda hatte die Identität der Abgebildeten geheim gehalten. Zu groß war die Gefahr, in die ein unbedacht ausgesprochener Name die Betroffenen bringen konnte. Nach der Verleihung der Auszeichnung hatten sie selbst das Geheimnis ihrer Person aufgelöst. In mehreren lokalen Zeitungen waren bereits Interviews erschienen. Das macht es leicht für Aranda die Gesuchten zu finden. So sitzt Aranda kurz nach seiner Ankunft in Sanaa im Wohnzimmer der Familie al-Qaws. Fatima, Zayeds Mutter, bringt ihm Tee und selbstgebackene Kekse. Dann erzählt sie, wie sie den 15. Oktober 2011 erlebt hat. „Mein Sohn hat mir gesagt, er will Märtyrer sein.“ Während der Demonstration hört sie aus dem Radio, dass die Regierung Heckenschützen gegen die Protestierenden einsetzt. Voller Angst und im Glauben ihr Sohn sei tot macht sie sich auf die Suche. Sie findet ihn im Lazarett. An den Fotografen erinnert sie sich nicht.

Nach einem Monat erholt sich ihr Sohn von mehrfachen Verletzungen. Heute kann er wieder ein normales Leben führen, Taxi fahren und sein Studium fortsetzen. Die Demonstrationen, bei denen er Leib und Leben riskiert hat, erreichen schließlich ihr Ziel: Am 22. Januar 2012 übergibt Saleh die Macht offiziell an den Vizepräsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi ab. Der wird einen Monat später in einer umstrittenen Wahl zum Präsidenten gekürt. Kommt es erneut zu Protesten, dann ist Zayed al-Qaws wieder ganz vorne mit dabei.

 

Link zum Bild: http://www.worldpressphoto.org/photo/world-press-photo-year-2011-0

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